Wie laufen Systemaufstellungen ab?

Systemaufstellungen liefern handlungsnahe Beschreibungen von Wirkungszusammenhängen in lebenden Systemen, also beispielsweise in Organisationen. Als Navigationsmethode zur Lösung komplexer Entscheidungsprobleme nutzen sie die Sprache des Körpers und des Raumes: Die Aspekte einer problematischen Situation werden mit Hilfe von Repräsentanten im Raum darge- stellt - oder eben aufgestellt.

 

Dabei wird in der Regel wie folgt vorgegangen: Eine Person mit einem konkreten Anliegen - einem ungelösten Problem oder einer schwierigen Frage - wählt aus einem Kreis von Seminar- bzw. Workshopteilnehmenden Repräsentanten für die relevanten Aspekte ihrer Fragestellung aus. Diese Aspekte können je nach Thema einzelne Personen oder Gruppierungen sein, z.B. in einer Konfliktsituation. Es können aber auch abstrakte Elemente sein, wie die sich gegenseitig ausschliessenden Optionen eines Dilemmas oder das Ziel und die Hindernisse in einer blockierten Situation. Ebenfalls ausgewählt wird ein Repräsentant als "Fokus" für die Perspektive, aus der die Person die zu lösende Problemsituation wahrnimmt. Anschliessend stellt diese Person die Repräsentanten im Raum auf. Dabei folgt sie ihrer Intuition oder ihrem "inneren Bild". In der nun folgenden Phase der Aufstellung fragt die Aufstellungsleiterin bzw. der Aufstellungsleiter reihum die Körperwahrnehmungen der Repräsentanten ab.

 

Über diese "repräsentierenden Wahrnehmungen" lassen sich jene Dimensionen erschliessen, die einer problematischen Situation zu Grunde liegen: In der Regel sind es dysfunktionale oder die Entwicklung hemmende Muster. Durch das sukzessive Umstellen der Repräsentanten und das Abfragen von deren Wahrnehmungen eröffnen sich Lösungsoptionen gleichsam von selber. Die Körperresonanzen der Repräsentanten geben den Anstoss für eine Umstellung. Dabei kann selbst die kleinste Umstellung eines Repräsentanten jeweils Unterschiede bei den Körperwahrnehmungen der anderen Repräsentanten hervorrufen. Dies gibt den Hinweis für die weitere Umstellung eines oder auch mehreren Repräsentanten. Eine Aufstellung ist dann abgeschlossen, wenn die Repräsentanten in einer für sie stimmigen Beziehungskonstellation zueinander stehen. Diese wird von ihnen körperlich registriert als "Entlastung", "Entspannung" oder "Befreiung". Ein solcher Prozess dauert üblicherweise 15 - 30 Minuten. In dessen Verlauf zeigen sich der aufstellenden Person überraschende Zugangsweisen zur Bearbeitung ihres Anliegens: Gerade weil das Verfahren auch die nicht-verbalen und emotiven Seiten eines Themas mitberücksichtigt.

 

Eine solche Art von Problemklärung und Lösungsfindung erfordert allerdings einen ganz spezifische Rahmen. Als erstes bedarf es eines Kreises von Personen, die bereit sind, sich immer wieder neu auf das Experiment der "repräsentierenden Wahrnehmung" einzulassen und gleichsam für problematische Aspekte einer ihnen nicht bekannten Situation "einzustehen". Zum andern braucht es Menschen, die offen dafür sind, auf ihre ungeklärten Fragen in einer ungewöhnlichen Weise Antworten zu "erfahren". Als Drittes verlangt es eine "Leitungs"-Person, die als Facilitator den Gesamtrahmen hält, bei der Klärung der Fragestellung bzw. des Anliegens behilflich ist und den Prozess der Lösungsfindung mit ihren Fragen und Umstellungen begleitet.

 

Im Jahre 1993 machte der systemische Familientherapeut Gunthard Weber mit seinem Buch "Zweierlei Glück" auf das von Bert Hellinger unter dem Titel "Familienaufstellungen" praktizierte Verfahren aufmerksam. Seither hat sich die Aufstellungsarbeit weiterentwickelt und wird in den unterschiedlichsten Kontexten angewandt. Unter anderem gibt es Formen, die auch in Organisationen eingesetzt werden können. Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer haben im Verlaufe der Zeit eine Begrifflichkeit entwickelt, die für die Theoriebildung und die Lehre von grossem Nutzen ist.

 

Quelle: Claude Rosselet / Von der Irritation zur Information - Systemaufstellung und Managementpraxis / OrganisationsEntwicklung, 3/2005


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