Emergenz!?

Christoph Mandl:

 

Emergenz bezeichnet das Zusammenwirken der Elemente eines Systems, das zu Phänomenen bzw. Eigenschaften des Systems führt, die die Elemente des Systems selbst nicht besitzen. Temperatur oder Druck eines Gases etwa sind emergente Eigenschaften, da die Moleküle, aus denen das Gas besteht, diese Eigenschaft nicht haben. Aber die Interaktionen und die Organisation vieler Moleküle bringen die Gaseigenschaften hervor. Ein einzelnes Molekül hat weder Temperatur noch Druck. Voraussetzung für Emergenz ist, dass das System aus sehr vielen Elementen besteht und dass diese Elemente in ständiger Interaktion sind.

 

 

Rolf Lutterbeck:


Die ganze Welt emergiert seit dem Urknall in vier "Dimensionen" gleichzeitig, im Äußerlichen (Materie) und im Innerlichen (Bewusstsein) und gleichzeitig im Individuellen und im Kollektiven. Individuelles Außen: Vom Atom über Molekül, Zelle bis zu komplexen Gehirnstrukturen. Individuell Innen: Von ersten Wahrnehmungsformen über Impulse, Emotion bis zu spirituellen Erfahrungen. Systemisches Außen: Atomhaufen, Galaxien, Planeten, Gaia, etc. Systemisches Innen: archaisches, magisches, mythisches, rationales zu transpersonalen Kulturdenken.

 

 

Andreas Sachs:

 

Der gemeinsame Rhythmus bringt die Emergenz auf Touren.

 

 

Doris Wilhelmer:

 

Innovation wird in der Tradition der evolutionären Ökonomie als Ergebnis nicht erklärbarer, emergenter Prozesse verstanden. Alle Formen von etwas Neuem, wie Organisationsstruktur, Strategie oder organisatorische Werte, können als emergente Phänomene betrachtet werden. Innovation kann demgemäß im breitesten Sinn verstanden werden: organisatorisch, sozial und technologisch. Durch Emergenz entstehen neue Strategien, Strukturen, Werte, politische Koalitionen, informelle Strukturen, Produkte, dominante Logiken oder Technologien.

Das Wort Emergenz bedeutet - aus dem Lateinischen emergere abgeleitet - das Auftauchen bzw. Erscheinen von Phänomenen auf einer unterschiedsbildenden Makroebene des Systems, wobei die neuen Phänomene kausallogisch nicht durch die Eigenschaften der bereits vorhandenen, einzelnen Subsysteme erklärbar sind. Die emergenten Phänomene entstehen durch synergetische Wechslwirkungen zwischen den einzelnen Subsystemen was u.a. dazu führt, dass manche emergenten Eigenschaften erst beim Beobachten der Wechselwirkungen zwischen Subsystemen und nicht bei der Beobachtung einzelner Subsysteme wahrgenommen werden können (z.B. Kommunikations- und Handlungsmuster). 

Bei der Definition von Emergenz geht man heute davon aus, dass in jedem System eine Mindestanzahl gleicher Bausteine notwendig ist, um das Emergieren neuer Phänomene zu ermöglichen: So würde Wasser bei normalen Zimmertemperaturen erst dann flüssig sein, wenn mehr als ein einzelnes Wassermolekül im Zimmer vorhanden ist. Emergenz führt zu neuen Optionen im System und damit zu einem Unterschied, der für den Beobachter des Gesamtsystems einen Unterschied macht: Die Fahrtüchtigkeit eines Autos hängt nicht von der farblichen Veränderung der Sitzüberzüge aber sehr wohl von der Integration der Antischlupf Regelung oder dem Einsteigen eines fahrkundigen Fahrers ab. 

Wird ein neues Subsystem in ein bestehendes komplexes System integriert und dabei unmittelbar in die Wechselwirkungen zu den anderen Systemelementen einbezogen, dann können die Auswirkungen dieser Integration oft unvorhersehbar sein, weil die möglichen Reaktionen des komplexen Systems nicht ohne Reduktion nicht untersuchbar- und simulierbar sind. 

Laut Heinz von Foerster handelt es sich bei Emergenz um zwei Phänomene: Erstens um die Grenzen der Erklärbarkeit und Prognostizierbarkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt und zweitens um eine coevolutive Sinnproduktion in dem Sinn, dass z.B. eine einzelne Nervenzelle kein Bewusstsein „hat“ aber ein Ensemble solcher Zellen zu Bewusstsein führen kann.

Werden in Simulationen z.B. Vorannahmen zu möglichen Wechselwirkungen getroffen, so können real eintretende Wirkungszusammenhäge zu unvorhergesehenen Reaktionen zwischen Subsystemen und damit zur Widerlegung von Vorhersagen führen. Zugleich kann die Integration eines neuen Elementes die Muster bisheriger Wirkungszusammenhänge nachhaltig verändern und dabei Vorhersagen ad absurdum führen. Im Bereich der Kommunikation verweist der Begriff der Emergenz auf die prinzipielle Unvorhersehbarkeit der Art und Weise des Prozesses des Verstehens und der Sinngebung durch soziale Systeme aufgrund ihrer jeweils ganz spezifischen Art der Innensteuerung in ihrer prinzipiellen Autonomie.

 


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