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Von der Praxis zur Forschung und zurück
Eindrücke vom "infosyon Arbeitsforum" am 16./17. September 2005 in Kassel
Das Zweite infosyon Arbeitsforum hatte alles, was man sich von einem Treffen unter KollegInnen wünscht: substanzielle Beiträge, eine inspirierende freundschaftliche Atmosphäre und lustvolle Gespräche. Elf Referenten und Referentinnen berichteten aus ihrer Forschungspraxis - eine Philosophin, ein Psychologe und ein Soziologe kämmten die Praxis gegen den Strich und sorgten für eine angeregte Diskussion, ein Life Experiment – zwei parallele Aufstellungen vom selben Klienten zur selben Frage - brachten Spannung und zwischen uns allen war ein Geist von Experimentierfreude und offenem Fragen zu spüren, der einer jungen Professional Community gut tut. Die italienischen Leckereien und eine wunderbare Panna Cotta von Helga und Elis Levorato in der Osteria sorgten am ersten Abend für einen gelungenen Tagesabschluss.
Aber zurück Sache. Was mir ausgesprochen gut gefallen hat, war die Diskussionsatmosphäre ohne Tabus und in gegenseitigem Respekt. Mein Eindruck ist, dass wir einen guten Schritt vorangekommen sind, den gedanklichen Horizont, der unsere Praxis inspiriert, weiter aufzuspannen. Die Wissenschaft bekam den ihr gebührenden Platz ebenso wie sie sich auf ihre Grenzen hin befragen ließ. Unsere Methode braucht beides, die wissenschaftliche Beschreibung wie auch die Reflexion über die Grenzen der Wissenschaft, die sie ihrerseits wieder zu erweitern hilft.
Für den Hausherrn, die Universität Kassel setzte Prof. Lothar Nellessen den ersten Akzent. „Eine Methode auf der Suche nach ihrer Theorie“. Lothar Nellessen war einigen von uns schon durch seine klaren Empfehlungen zur Professionalisierung im Sinne eines Verbandes in Erinnerung, die dem Open Space der Organisationsaufstellungen vor drei Jahren an gleichem Ort eine wichtige Note gab. Anderthalb Jahre danach gründete sich infosyon e.V. Selber bekennender Aufsteller stellte er das Theorem von der repräsentierenden Wahrnehmung in Frage. Seine These zugespitzt: Bei der Erklärung des Phänomens seien erst einmal die bekannten Beiträge der Emotionspsychologie zu sichten bevor die weitgehenden Verbindungen zur Elementarteilchenphysik (David Bohm) oder Feldtheorien des Biologen Rupert Sheldrake herangezogen würden. Aus seiner Sicht reichen die Beschreibungen der Aufstellung im Sinne von emotionalen und kognitiven Schemata völlig aus. Die Vorstellung, die Aussagen der StellvertreterInnen einer Aufstellung gäben Hinweise auf eine Abbildung einer Wirklichkeit außerhalb des Hier und Jetzt, seien vor diesem Hintergrund unnötig.
Flankiert wurde er durch Torsten Groth, Universität Witten/Herdecke der sich zur Aufgabe machte, das Phänomen der Aufstellung von allem zu befreien, was nicht durch eine konstruktivistische Kommunikationstheorie zu beschreiben ist. Und siehe da, auch dann bliebe genügend Faszinierendes, Neues und Brauchbares für die Praxis der Unternehmensberatung übrig. Seine augenzwinkernden Diskussionsbeiträge ließen dann auch andere Beschreibungen der Aufstellungsphänomene als Möglichkeit durchblicken. Jedenfalls ging von seinem Beitrag der Charme einer spärlich möblierten Wohnung aus, die, weil nicht durch allzu viele Gegenstände resp. Erklärungen verstellt, den Raum für das Wohnen bzw. die Phänomene offen lässt. Dr. Matthias Wesseler konterte dagegen mit dem Hinweis, dass die Argumentationsfiguren seines Kasseler Hochschulkollegen Nellessen doch sehr die Formen des Wissenschaftsbetriebes reproduzierten, dessen Gast wir hier seien.
Katrin Wille argumentierte in einem inspirierten Vortrag, den sie mit Anklängen einer Raumperformance vortrug, mit der Philosophie Ludwig Wittgensteins: "Alle Erklärung muss fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten". Das Phänomen der Aufstellung müsse erst einmal angemessen beschrieben werden, bevor man sich an vorschnelle Erklärungen mache. Außerdem seien Erklärungen dann unnötig und irreführend. Im Weiteren lieferte sie erste Schritte einer Beschreibung, in dem sie Strukturaufstellungen aus der Perspektive der beiden Begriffe „Konstellation“ und „Resonanz“ beleuchtete.
Thorsten Groth und Katrin Wille
Was sonst noch passierte:
Robert Lukesch aus Graz stellte das Forschungsdesign zur Wirkungsforschung von Strukturaufstellungen vor: eine groß angelegte Studie in Zusammenarbeit u.a. mit Prof. Dr. Matthias Varga von Kibéd und Dipl. Psych. Insa Sparrer München soll „die Wirksamkeit von Strukturaufstellungen für den Wirtschaftskunden in einer permanenten Erfolgskontrolle der Veränderung dokumentieren und darstellbar machen.“
Wim Jurg aus Holland: stellte seine Erfahrungen aus der Anwendung von Aufstellungen im Marketing, die er „Branding Constellations“ nennt, vor. Peter Schlötter präsentierte seine These von der Aufstellung als einer Sprache, die alle sprechen ohne es zu wissen. Er bezog sich dabei auf seine Untersuchung, die als Dissertation an der Universität Witten/Herdecke angenommen wurde („Vertraute Sprache und ihre Entdeckung“, Verlag für systemische Forschung im Carl Auer Verlag). Rudolph Schnappauf entwickelte einen multidimensionalen Vergleich der Systemaufstellung mit dem Team Management System (TMS).
Andrea Fink-Kessler und Matthias Wesseler berichteten von ihrem Projekt Systemaufstellungen als innovatives Beratungsinstrument im Ökologischen Landbau. Das Resümee: unsere Methode provoziert den wissenschaftlichen Diskurs auf eine neue Weise. Wenn wir es schaffen, uns auf das Finden der weiterführenden Fragen zu konzentrieren und uns nicht durch allzu schnelle Antworten zu beruhigen, dann kann es noch spannend werden!
Das Fragen wird fortgesetzt auf unserer großen Fachtagung am 28.-30.April in Fulda: OA meets Management. Systemaufstellung in der Managementberatung. World Café zur Frage: Worauf habe ich Lust bekommen!
Zwischenräume zum Weiterdenken Ablauf und Rahmen des Life-Experiments.
Für unsere Mitglieder und die TeilnehmerInnen des Arbeitsforum steht im internen Bereich eine ausführliche Fotodokumentation, sowie die meisten Vorträge als Downloads zur Verfügung.
Gerhard Stey, im September 2005
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